Einkaufen:
Warenkorb anzeigen
0 Artikel
0,00 EUR
Zur Kasse gehen
Mein Konto
Allgemein:
Startseite
Download
Kundenstimmen
Preisübersicht
Impressum

Oriolus Lernprogramme und der Eremit



Unsere kleine Firma sitzt in Kleinsendelbach,
einem Dorf am Rand der idyllischen Fränkischen Schweiz,
an der südlichen Spitze von Oberfranken.






Direkt neben unserem Büro befindet sich ein alter Obstgarten, den wir schon seit über 20 Jahren pflegen.
Auf dem Bild oben mit Blick auf Kleinsendelbach ist der Obstgarten in der Bildmitte mit seinen gerade
blühenden Birnbäumen zu sehen, diesseits des großen Scheunendaches, an die Wiese grenzend.




Die etwa 40 Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume sind schon uralt (für Obstbaumverhältnisse)
und die meisten sind innen schon morsch und mulmig.
Wir schneiden und zu pflegen sie so, dass sie nicht unter der Last ihrer
eigenen Äste und Früchte zerbrechen und möglichst lange am Leben bleiben.




In dem alten Obstgarten haben wir einen kleinen Sitzplatz mit Tisch und Bänken,
wo wir im Sommer in den Pausen gerne mal einen Kaffee trinken. Direkt daneben seht
einer der ältesten Apfelbäume, der Innen weitgehend hohl und morsch ist und in
dem seit vielen Jahren jedes Frühjahr ein Starenpaar brütet.
Am 17. Juli 2014 entdeckten wir dabei auf dem Stamm einen 3 cm großen, schwarzen Käfer.
Wir fotografierten ihn gleich und speicherten ihn unter "großer_schwarzer_Käfer" ab.
Wir wussten damals ja nicht, um wen es sich handelte, obwohl Joachim sich mit Insekten eigentlich ganz gut auskennt.
Aber welcher Laie erkennt schon auf Anhieb einen Käfer, den selbst Experten fast nie zu Gesicht bekommen?




Zwei Jahre später, am 5. Juli 2016, einem sonnigen, heißen Tag, entdeckten wir am Nachmittag wiederum
einen großen schwarzen Käfer, am selben Baum. Er krabbelte aus der Starenhöhle, die einige Wochen vorher
noch die zweite Starenbrut des Jahres beherbergte (das Starenfoto stammt von 2015).
Das Brett mit dem Loch vor der Starenhöhle haben wir angebracht, weil das natürliche Loch
schon sehr groß war und dann die Gefahr besteht, dass Raubvögel sich die Nestlinge holen.
Diesmal haben wir den Käfer bestimmt und zu unserer großen Überraschung zweifelsfrei
als Osmoderma eremita identifiziert zu deutsch Eremit oder Juchtenkäfer.
Wir haben ihm den Namen Adalbert gegeben, ihn aber danach nicht mehr gesehen.


Wissenswertes über den Eremiten:

Der Eremit heißt lateinisch Osmoderma eremita. Darin stecken die griechischen Worte für Geruch (osme) und Haut (derma) und eremita, weil er in Baumhöhlen lebt. Der Geruch des Männchens ist intensiv und wohlriechend nach Aprikosen oder Pfirsich. Er soll über eine Entfernung von bis zu einem Kilometer Weibchen anlocken.

Er gehört wie zum Beispiel auch der Maikäfer und der Rosenkäfer zur Familie der Blatthornkäfer, lateinisch Scarabaeidae und hier zur Unterfamilie der Rosenkäfer. Die Larven der Blatthornkäfer heißen allgemein Engerlinge.

Der Eremit ist ein sogenannter Xylobiont, das heißt, seine Larven leben im Inneren von Bäumen. Die Larven sind dabei sehr anspruchsvoll und benötigen sogenannten Mulm, das ist Holz, welches bereits von Pilzen oder anderen Mikroorganismen mürbe gemacht wurde. Weil er bei der Wahl seines Lebensraum sehr anspruchsvoll ist, gilt er als wichtige Leitart der holzbewohnenden Käfer, denn wo er sich wohl fühlt, können fast alle anderen holzbewohnenden Arten auch gut gedeihen.

Von der EU gibt es zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen eine sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz FFH-Richtlinie). Nach dieser Richtline gilt der Eremit als prioritäre Art (als eine von acht heimischen Insektenarten), deren Erhaltung besondere Priorität genießt. (Deswegen konnte wegen des Fundes von Eremitenlarven bei Stuttgart 21 ein Baustopp erzwungen werden!) In Deutschland steht der Eremit auf der Roten Liste der gefährdten Arten auf Stufe 2, das heißt stark gefährdet.

Der Eremit bewohnt natürliche Höhlen in stehenden, lebenden, dicken, alten Bäumen, die innen schon mulmig sind, bevorzugt Eichen und andere Laubbäume, in unserem Fall Apfel- und Zwetschgenbäume. Normalerweise bewohnt der Eremit Baumhöhlen in einer Höhe zwischen 6 und 12 Metern. In unserem Fall sind die Hauptstämme von zwei der drei im Obstgarten bewohnten Bäume viel niedriger, sodass die bewohnte Höhlen hier nur 2 bzw. 3 Meter hoch liegt. Deshalb konnten wir insbesondere den zweiten 2016 aufgetauchten Eremiten ("Berthold") so gut beobachten.

Nach der Eiablage dauert es drei bis vier Jahre, bis die Larven ausgewachsen sind. Sie sind dann etwa 7,5 cm lang und 12 g schwer! Sie überwintern als Vorpuppe, verpuppen sich dann im April und Mai und schlüpfen im Mai oder Juni.

In einem einzigen Baum können mehrere hundert Larven leben. (Eine große alte Eiche können die Eremiten unter Umständen 100 Jahre lang bewohnen). Von den geschlüpften Käfern verlässt dann nur etwa jeder 7. jemals die Höhle. Auch das ist ein Grund, warum man den Käfer sehr selten zu sehen bekommt. Die Käfer paaren sich in der Höhle und das Weibchen fliegt dann eine gewisse Strecke, um zur Eiablage geeignete Baumhöhlen zu finden. Meist bleibt das Weibchen dabei in einem engen Umkreis von ca. 200 Metern um den eigenen Baum. Es können ausnahmsweise aber auch bis zu 2 Kilometern werden. Die Käfer benötigen eine Temperatur von mindestens 25 Grad, damit sie fliegen können! Sie nehmen als ausgewachsene Käfer in der Regel keine Nahrung zu sich! Die Männchen leben nur 2 bis 3 Wochen, die Weibchen bis zu drei Monate lang.

Da unsere Obstbäume viel dünnere Stämme haben als alte Eichen, können sie keine so große Population beherbergen. Wahrscheinlich waren es nur einige wenige Exemplar oder vielleicht sogar nur ein einziger pro Baum. Jedenfalls krochen zwei unserer drei Eremiten (Männchen - erkennbar am Verhalten und am furchigen Halsschild!) zwei Wochen lang jeden Tag, wenn es warm wurde, an den Eingang ihrer Höhle und verströmten ihren Pfirsich/Aprikosenduft! Wir haben sie mehrmals täglich besucht!




Am Nachmittag des 19. Juli 2016 entdeckten wir nur 10 Meter von unserem Kaffeeplatz entfernt auf einem alten Zwetschgenbaum einen weiteren Eremiten. Wir haben ihn Berthold genannt! Das Besondere an ihm war, dass die Höhle auf Augenhöhe lag und man ihn daher sehr gut beobachten (und fotografieren) konnte, wenn er am Eingang seiner Höhle saß. Insbesondere konnte man auch seinen feinen Aprikosen/Pfirsichduft sehr gut wahrnehmen, wenn man sich richtig in den Wind stellte. Er wendete sogar sichtbar seinen Kopf, wenn man sich näherte, um nach einem zu schauen, und zog sich erst in seine Höhle zurück, wenn man sich auf weniger als einen halben Meter näherte. Bis auf ein oder zwei kühlere Tage saß er zwei Wochen lang jeden Tag, sobald es etwas über 20 Grad warm wurde, vor seiner Höhle und verströmte seinen Duft. Leider wehte der Wind die ganz Zeit von Westen, sodass die Duftstoffe in ein Gebiet geweht wurden, wo kein Weibchen zu vermuten war. Am Mittag des 1. Augusts 2016 beobachtete Joachim, wie er einmal rings um seine Höhle krabbelte und dann darin verschwand. Danach wurde er nie wieder gesehen. Er hatte sich nie mehr als 10 cm vom Höhleneingang entfernt!

Dieser große Käfer im Sonnenlicht erschien wie aus einer anderen, vergangenen Zeit zu gekommen oder einem Märchenbuch entsprungen. Wir schätzen uns glücklich, dass wir ihn entdecken und beobachten durften.




Am 12. und am 19. Juli haben wir am selben alten Apfelbaum, an dem wir bereits zwei Eremiten gefunden hatten, eine weitere spektakuläre Entdeckung gemacht: den Großen Rosenkäfer Protaetia aeruginosa! Leider konnten wir ihn beide Male nur kurz mit dem Teleobjektiv einfangen, dann flog er jweils davon. Dieser Käfer steht in der Roten Liste auf der höchsten Schutzstufe 1, das heißt vom Aussterben bedroht. Vielleicht sind es die vielen alten Rosen in unserem Obstgarten, die den Großen Rosenkäfer und die anderen, häufigeren Rosenkäferarten anlocken!




Am 27. Juli 2016 haben wir den dritten Eremiten des Jahres 2016 gefunden. Wir haben ihn - wieder ein männlicher Käfer - Clemens genannt. Er lebte in einem anderen Apfelbaum, aber unter dramatischen Umständen. Der Baum hat eine große Höhle, die zwei relative große Öffnungen besitzt. Als vor drei oder vier Jahren die Eiablage stattfand, war die Höhle noch frei. Doch in diesem Jahr hatten Hornissen ein Nest in die Höhle gebaut. Einen Zugang nutzten sie als Eingang, den anderen haben Sie zugemacht. Der Eremit Clemens musst sich seinen Weg zum Ausgang mit Gewalt durch das bewohnte Hornissennest bahnen! Er hatte Glück, dass es diesen zweiten Ausgang gab, den am Haupteingang wäre es ihm wohl übel ergangen. Da beide Höheleingänge nur ca 40 cm entfernt voneinander liegen, wurde er trotzdem mehrfach von den Hornissen angegriffen. Joachim beobachtete eine konkrete Stechattacke, die Clemens allerdings regungslos an sich abprallen ließ. Joachim selbst hatte weniger Glück und wurde beim regelmäßigen Beobachten des Käfers im Lauf der neun Tage bis zum 4. August dreimal gestochen. Die Hornissen schienen ihn dabei stets zu ignorieren, bis dann jedesmal urplötzlich eine Hornisse vom Nesteingang kerzengerad herangeschossen kam und sofort zustach. Nach dem 4. August haben wir Clemens nicht mehr gesehen.




Die Fachleute vom Landratsamt und der Naturschutzbehörde hatten nicht erwartet, dass bei Kleinsendelbach Eremitenkäfer zu finden sein würden. Es gibt allerdings ein Vorkommen in der Nähe, etwa vier Kilometer entfernt am Hetzleser Berg. Dort gibt es von Alters her sogenannte Kopfeichen. Diese wurden alle fünf bis sieben Jahre gekappt, um die frischen Triebe zu nutzen. Sie wurden wegen ihres hohen Gerbstoffanteils in der Lederverarbeitung gebraucht. In diesen alten Bäumen siedelt der Eremit gerne. Vom Fuße der Hetzleser Berges über die Dörfer Großenbuch und Schellenberg zieht sich ein Gürtel von Obstgärten, in denen auch viele alte Bäume stehen. Wahrscheinlich hat sich der Eremit über diesen Obstbaumgürtel bis zu uns ausgebreitet.

Hoffentlich lassen die Landwirte die alten Bäume stehen und pflegen sie,
damit sie möglichst lange am Leben bleiben und den Eremiten
und anderen seltenen Insekten als Zuhause dienen können!